Portrait: Wang Junchao, Professor, Kind der Kaiserstadt und Mann der Worte

Wang Junchao, 50 Jahre, Literaturprofessor und Journalist

Lange irren wir auf dem Gelände der Tsinghua-Universität umher. Wir finden unseren Professor einfach nicht. Ein imposantes Unigelände. Luxuriös, gepflegt, Parks. Eine kleine Stadt. Aufgrund der Ausmaße und Anzahl der Gebäude könnte man annehmen, an diesem altehrwürdigen Ort erschöpfe sich bereits das universitäre Geschehen in Peking. Aber nein… Dies hier ist nur eine von vielen anderen Universitäten Pekings, ein in sich geschlossenes Lern- und Wohnsystem für die vielen fleißigen, chinesischen Schreibtischbienchen, studierend in Waben, sich arrangierend im Mehrbettzimmer und schlafend in Stockbetten. Die Zeit vergeht. Inzwischen sind wir nicht mehr pünktlich. Verzweifelte Kontaktaufnahme mit dem Professor, der uns nun per WeChat zu sich lotst, dann… endlich, wir sind da: In der Schule für Journalismus. Wang Junchao, schmal und sorgsam gekleidet, begrüßt uns rasch und führt uns schnurstracks in sein kleines Lehrerzimmer. In Schränken und auf Regalen stehen jede Menge Bücher und an den Wänden hängen Fotos und Auszeichnungen. Ein echtes Literaten- und Denkerzimmer, und es verrät: Junchao ist auch etwas eitel. Im Moment ist er vor allen Dingen unruhig und offenbar unter Zeitdruck, aber bestens vorbereitet. Sein Blick ist auf den Schreibtisch geheftet, denn dort liegt ein Manuskript. Das will er abarbeiten. Glück auf weißen Blättern. Also los…

Junchao schwenkt die Arme. Es ist schwierig mit dem Glück. „Eine philosophische Frage“, sagt er. „In China gerne mit Politik vermengt!“ Von vielen unterschiedlich gedeutet und in dieser Zeit des immensen Wandels beträchtlich schwankend. Er überlegt: „Den meisten Chinesen wird wohl beim Thema Glück der Smog in den Städten und die hohen Preise einfallen.“ Und:

„Sicher, der allgemeine Lebensstandard hat zugenommen, aber glücklicher sind die Menschen darum nicht geworden.“

Glück gleich Erfolg und Wohlstand? Nein, das also nicht. „Denn Landstreicher können auch glücklich sein!“, sagt Junchao anerkennend. „Oder arme Länder wie Nepal oder Bhutan…“ Das findet der Professor jedenfalls sehr beeindruckend und bemerkenswert, denn für ihn selbst ist der Titel, den er führt, schon wichtig. Immerhin musste er dafür einiges leisten. Leider ist die Stelle jedoch nicht sehr hoch dotiert und mehr Geld wäre nicht übel, weil dann… Junchao überlegt… Wenn er machen könnte, was er wollte? Eine verlockende Vorstellung. Würde er weiter mit Freuden seine Studenten unterrichten? Junchao schüttelt den Kopf. „Nein, dann würde ich wohl umherreisen und schreiben wie Sie“, sagt er und meint das ernst. Aber auch wieder nicht. Denn am Ende hält ihn wohl nicht nur das fehlende Geld von diesem Unternehmen ab. Auch seine Erziehung. „Wir sind kommunistisch und kollektiv erzogen worden“, erklärt er, und einfach davon gehen und sein eigenes Ding machen, wäre eventuell zuviel des Egoismus. Auch für einen, der in einer ehemaligen Kaiserstadt geboren ist. In Kaifeng am gelben Fluss. Wenngleich er dort, zugegeben, wenig kaiserlich gelebt hat. Immerhin aber war er glücklich. Warum? „Als ein Kind vom Land war für mich das Glück sehr einfach. Auf die Wiese setzen. Zeit. Träumen. Wenig Schulstress.“ Solche Dinge. Und dieser Modus hat sich auf dem Land bis heute nicht wirklich verändert. „Die Menschen auf dem Land können die Probleme der Städter nicht verstehen.“

Junchao kann das nachvollziehen. Sein Vater, erzählt er, starb an den Folgen der Folter, die er in der Kulturrevolution erlitten hatte. „Unglücklich. Mit fünfzig Jahren.“ Doch richtig bedauern kann er ihn nicht. Die Frage, die ihn umtreibt: Starb der Vater als Schwächling? Junchao findet: Ja. Er sieht mich an: „Mein Vater hatte ein kleines Herz. Kein Durchhaltevermögen.“ Und ein Chinese darf nicht aufgeben. Anders offenbar war Junchaos Mutter. Sie hielt fast hundert Jahre durch. Vor ihr hat er Respekt. „So lange sie lebte, war ich glücklich!, sagt er darum. Aber vermutlich ist das nur die halbe Wahrheit, denn es nicht zu leugnen, dass das Schicksal des Vaters etwas mit ihm gemacht hat, zumindest rumorte es mächtig und ihm war von klein anklar: „Wenn ich groß bin, werde ich Polizist oder Schriftsteller, um auf die Ungerechtigkeit in der Gesellschaft einwirken zu können.“ Aber weil er offenbar weniger das Kämpferische ausgetrahlt hat, aber um so besser in Chinesisch war, riet sein Lehrer ihm eher zur Schriftstellerei. Na gut, so ist das gekommen.

Er wurde also Schreiber. Journalist. „Als Journalist hat man mehr Freiheiten denn als Schriftsteller“, sagt er. Er betreibt Blogs, hat diverse Schriften veröffentlicht, Preise gewonnen und versucht heute auf seine Art kritisch und im Rahmen der Möglichkeiten intellektuell die Menschen zu motivieren und zu informieren. Auf dem Berufsnetzwerk LinkedIn hat er zahlreiche Tätigkeiten und Vorzüge seines beruflichen Könnens aufgelistet. Journalism, Social Media, Publications, Broadcast…etc…und SWIMMING. Ich lache wie ich das lese. Das finde ich richtig liebenswert. So kippt die chinesische Kindlichkeit zuweilen den chinesischen Bierernst. Bis jetzt hat bei Swimming auf der Liste keiner ein Häkchen dahinter gemacht. Ich würde es ja machen, die Disziplin bestätigen, so wie die anderen Fähigkeiten. Aber kann er auch wirklich schwimmen? … die Zertifikate bei den Chinesen… sind sehr interpretierbar positiv gesagt und viele Dinge weiß man ja manchmal nicht. Junchao wusste zum Beispiel neulich nicht einmal, dass er schon tot ist. 2005 ging im Internet das Gerücht, er hätte Selbstmord begangen. „Nur einer hat das nicht geglaubt“, sagt Junchao. Ein Freund, der zu der Zeit im Gefängnis saß! „Er hat mir einen Brief geschrieben und mich getröstet.“ Welch ein Gesichtsverlust. Zumal für einen, an dessen Stolz und Familienehre schon der Tod des Vaters nagt. Wie das kam? Junchao hatte einen bekannten Schriftsteller aus Taiwan interviewt und ihn hernach kritisiert. „Daraufhin wurden dessen Fans böse und haben dieses absurde Gerücht verbreitet.“ Junchao war sehr unglücklich. Aber alles ging gut aus. Die Leute haben sich im Netz schließlich entschuldigt und Junchao sich beruhigt. Puh! Was für eine Geschichte, ja, aber … wie ist das nun mit dem Glück? Junchao guckt wieder in sein Manuskript. Dort steht ein Fünfpunkte-, nein, eher Vierpunkte+ Eins-Glücksplan, der wie folgt lautet:

1. Wünsche verwirklichen. 2. Anerkennung in der Gesellschaft. 3. Erfüllung von Emotion. Liebe von Freunden und gegenseitige Hilfe. 4. Leistung und Freude am Erfolg.

Und letzter Punkt, Nummer 5, – „allerdings eher europäisch“ – also individualistisch, betont Junchao: Ruhe, Genuss und Freizeit. Sind das etwa Teufelswörter aus dem Westen? Egal. Sie sind gut. Und irgendwie bestimmt mit dem Taoismus verwandt, denn den mag Junchao ganz besonders. Ein Glück. Aber jenseits des altchinesisichen Vierpunkte-Glücksplanes, könnte man auch einfach sagen:

„Du bist kein Fisch. Woher weißt du, ob die Fische glücklich sind? Glück ist privat.“

© http://china-blog.simone-harre.de

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