Portrait: He Tong, Arzt und Milliardär, weiß wie man in China zu Geld kommt: Man macht sich die schlechte Umweltsituation zunutze.

Portrait: He Tong, Arzt, 63 Jahre

Es ist bitterkalter Januar. Wir kommen morgens um acht Uhr mit dem Flugzeug in Peking an. Das Hotel können wir noch nicht beziehen. Zu früh. Den Himmelspalast können wir nicht besuchen. Zu kalt. Denken können wir auch noch nicht. Zu müde. Aber wir sind ja auch nicht zum Vergnügen hier. Sondern auf Interviewreise. Thema dieser Reise: Geschäftsmänner, Millionäre und Milliardäre. Ein eng gesteckter Terminkalender will auch diesmal abgearbeitet werden. Wang Bo, mein Dolmetscher, der uns ausgeschlafen und fröhlich vom Flughafen abholt, und sich wie immer genüsslich am warmen Wasser seiner Thermoskanne labt, -„ah, warmes Wasser ist guuuut!“-, weiß, was wir gleich tun. Der erste Interviewpartner, ein TCM-Arzt, wartet bereits auf uns. Wie das gehen soll, weiß ich nicht. Ich bin müde, friere und ich kann noch nicht lächeln. Dennoch sitze ich kurze Zeit später in einer Praxis, die, wie die meisten chinesischen Innenräume, neonbeschienen ist und versuche durch den Jetlag hindurch dem Gespräch zu folgen. Der Mann in diesem Raum, He Tong, ist mein erster reicher Mann auf dieser Reise. Dunkelblauer Anzug, golden umrandete Brille, gut genährt, joviale Gesten und direkt ein dicker Fisch: ein Milliardär.

Vergrößern

He-Tong2

©️SimoneHarre

Wir reichen ihm unsere Visitenkarten. Er reicht uns keine. Er hat gar keine. Stattdessen will er eines gleich mal klären: „Ein Millionär in China ist nichts!“ Und die Million im heutigen China auch nicht schwer zu erreichen weil, klar, rechnet man den Millionär der chinesischen Währung in zum Beispiel deutsche Währung um, – also eine Million chinesische Yuan geteilt durch etwa acht -, wird aus dem chinesischen Millionär schnell kein Millionär mehr. Wer dennoch zur aufstrebenden Mittelschicht gehören, eine Top-Wohnung bezahlen, eine akzeptable Ehefrau ergattern und am neuen globalen, guten Leben teilhaben will, sollte besser mindestens „ein Zehnmillionen-Millionär“, außerdem in der Lage sein, diesen Level zu halten, noch besser, ihn zu erweitern. „Mit Reichtum muss man umgehen können“, sagt He Tong streng. Da er das selbst offenbar gut kann, trainiert und lehrt er beruflich ehrgeizige Millionäre in intelligentem Geldwachstum.

Aha… gut, denke ich, dies ist eine chinesische und sehr kapitalistische Art von menschlichem Coaching. Was aber hat das mit chinesischer Medizin zu tun? Ich hätte auch Kapital zu bieten, jedoch nur in Form ein paar aufstrebender Zipperlein …. und natürlich brenne ich längst darauf, die ein oder andere patente Diagnose eines brillanten, wie mir versprochen, chinesischen Arztes zu hören. Oder ist He Tong gar kein Arzt? Oder nicht mehr? Ich schaue Wang Bo fragend an. Ich schaue He Tong fragend an. He Tong lächelt und faltet seine Hände ineinander… “Die Milliarden verdiene ich natürlich nicht als Arzt“, sagt er, lehnt sich auf seinem schwarzen, imposanten Kunstledersessel zurück und schlägt die Beine übereinander: „Die Milliarden verdiene ich mit Nahrungsmittelergänzung.“ He Tong deutet auf diverse Kisten in seinem Raum. Stimmt. Das Zimmer ist außer mit jeder Menge Familienfotos randvoll mit Kisten. Bedauerlicherweise macht sich der Milliardär aber nicht die Mühe, eine dieser Kisten zu öffnen und uns zu zeigen, wie sein Wunder an Geldvermehrung aussieht, vielleicht später, hoffe ich, vielleicht zum Abschied, und lerne derweil:

„Wer sich in China um das Gesundheitswesen kümmert, besonders um den makromolekularen Bereich, hat keine Geldsorgen mehr.“

Ganz einfach. He Tong weiß das. Viele busy Chinesen wissen das. Nahrungsmittelergänzung ist momentan DER Hit in China und eine kapitale Gelegenheit aus der ebenso kapitalen Umweltverschmutzung erheblichen Profit zu schlagen. Produkte für Kinder, Produkte für Alte, Produkte für Kranke… Die Palette ist endlos. Und unbedingt notwendig, versichert He Tong. „Wir brauchen Nahrungsmittelergänzung in China. Unsere Nahrung ist nicht mehr gesund.“ Die Produkte seiner Firma, „streng kontrolliert und mithilfe deutscher Technik hergestellt“, wie er betont, enthalten daher lebensnotwendige Zusätze wie Vitalstoffe für Zellen, Pflanzen, Soja, Milch, Vitamine, Mineralien oder Lipoide. Aber das Allerwichtigste: 1% seines Umsatzes, immer etwa 50 Millionen Yuan, stiftet er an 95 sogenannte Hoffnungsschulen in China, Schulen, die sich für die Bildung finanziell benachteiligter Kinder einsetzen.

He Tong sagt: „Ich habe nicht damit gerechnet, mit meiner Firma so reich zu werden. Ich hatte nur den Traum, den Kindern zu helfen!“ Das möchte er auch noch weiterhin tun und auch behinderte Kinder unterstützen. Sein Hauptanliegen an die Gesellschaft und roter Faden in seinem Leben ist jedoch vor allen Dingen die gesundheitliche Prävention: „Ich versuche bis heute zu verhindern, dass die Leute ins Krankenhaus gehen.“ Arzt ist er eben doch und schon seit 46 Jahren. Seine gesundheitliche Devise: „Wenn das Chi gut fließt, ist alles gut.“ Er ist stolz auf sich, stolz auf seinen Erfolg als Arzt, stolz auf seinen Erfolg als Milliardär, dennoch: „Geld ist nichts weiter als die Grundlage für Glück.“ Nichts weiter als eine Ausgangsbasis.

„Das GRÖSSTE Glück ist aber immer die Gesundheit! Alles andere ist hohl.“

Für He Tong ist das mehr als ein schöner Spruch. „Mit zwanzig habe ich mir den Rücken beim Betonschleppen ruiniert“, erzählt er.

Vergrößern

He-Tong-jung

©Simone Harre

Und seine Zeit beim Militär von 1969-1979 als Pilot und später als Leibarzt  taten an seinem Körper das Übrige. „Ich wollte das Vaterland schützen, ich kämpfte für Mao“, fährt er fort „Aber ich war sehr überfordert und immer übermüdet.“ Sein Lebensziel war irgendwann nur noch: „Wie kann ich lange leben?“ TROTZDEM. Trotz Strapazen. Trotz angeschlagener Gesundheit. Trotz schlechter Umweltsituation. Und vor allen Dingen mit nur einer halben Lunge. „Es gibt zwei Freiheiten“, sagt er: „Die finanzielle und die zeitliche Freiheit.“ Beide müssen ausgewogen sein. Außerdem muss man man immer geschmeidig im Denken und flexibel im Handeln bleiben. Was man also von He Tong lernen kann? He Tong richtet sich auf und verlautet:

„Man kann von mir lernen, dass man sich verändern kann.“

Noch 1994 habe er in einer von der Regierung zugewiesenen 10 qm großen Wohnung gewohnt! Doch 1995 habe er umgedacht. Statt weiter als Verkäufer auf Provisionsbasis zu schuften, hat er sich mit Aktien an der Neugründung einer Firma beteiligt. Das sei der Trick und der Durchbruch gewesen. Seither versteht er, wie das mit dem Geld läuft. Seither ist er selbst Chef diverser Firmen. TCM-Arzt ist er nebenbei geblieben und als solcher oft als Star, der mal eben aus der Hand liest und gute gesundheitliche Tipps gibt, auf Prominentenpartys unterwegs. Einer seiner Freunde und Schützlinge ist Jack Ma, der Internetgründer von Ali Baba. „Reichster Mann Chinas“, sagt He Tong anerkennend. Er zeigt uns ein gerahmtes Foto, auf dem sie beide zusammen zu sehen sind. „Aber Jack Ma ist nicht glücklich.“ He Tong wiegt bedenklich den Kopf. „Der Magen. Zu viel Stress und Druck.“

Vergrößern

He-Tong-John-Ma

©Simone Harre

Und He Tong kann es nicht genug betonen: „Die gesunde Lebensweise ist wichtig. Und die richtigen Nahrungsmittel. Außerdem brauchen wir unbedingt eine Leidenschaft, ein großes Herz und Bescheidenheit.“ Für ihn unter Mao war das damals schwierig, „meine Möglichkeiten waren begrenzt“, aber die Jugend heute, – He Tong nickt bedeutend-, „die kann ihre Träume leben.“ Er dagegen habe seine Träume begraben. “Zum Beispiel den jugendlichen Traum vom Tischtennisweltmeister. „Und ich war ein guter Spieler.“ Daher findet er: „Es ist wichtig, seine Träume schon in der Kindheit zu vollenden.“

Ob er den Verlust seiner Träume Mao anträgt?, frage ich. „Nein“, antwortet He Tong. „Mao ist immer noch mein Gott.“ Und die Milliarden, frage ich weiter, „sind die mit den Ideen Maos vereinbar?“ „Ja“, erwidert He Tong wiederum gleichmütig. „Die Zeiten ändern sich. Würde Mao auch sagen.“

Entspannt thront er zwischen den vielen bunten Familienportraits, trapiert diese beim fotografiert werden noch ein bisschen hübscher um sich herum und zeigt mir immer wieder Fotos von seiner Frau, tippt auf sie und sagt stolz: „Hausfrau!“ Immer wieder: „Hausfrau.“ In dem Moment kommt es mir seltsam vor. Machohaft. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, vermute ich, dass er sich einfach freut, dass er sie so gut versorgen kann. Möglicherweise war das eine ganze Weile nicht so. Dann schaut He Tong endlich auf meine Hände. Und auf meine Ohren. Nur ein kurzer fachmännischer Blick. Darm, Wirbelsäule, Gebärmutter. Die Diagnose ist schnell gestellt. Und er liegt richtig. Ich bin beeindruckt. Empfehlungen jedoch äußert er nicht. Die Ergänzungsmittel bleiben auch nach wie vor in den Kisten. Schade. Plötzlich wird er unruhig. Seine Frau ist aufgetaucht und will ihn abholen. Sie ist resolut und duldet keinen Aufschub. Er erhebt sich und verlässt einfach das Zimmer. Ohne Gruß, ohne Nichts. Ohne Übergang. Interview vorbei. Überrumpelt verlassen wir ebenfalls die neonhelle Praxis, wundern uns, aber wissen nun: Chinesen verabschieden sich nicht immer! Auch nicht die Milliardäre.

© http://china-blog.simone-harre.de

Share

← Vorheriger Beitrag

Nächster Beitrag →

1 Kommentar

  1. Volker Müller

    Wie heißt es so schön: egal was man über China sagt, es stimmt immer. Irgendwann, irgendwo …
    Haben wir besonders viele Neonlampen? Ist mir noch nicht aufgefallen. Ich selbst finde die Erfindung der weißen LEDs toll, hervorragendes Helligkeits/Energieverhältnis. Auch China setzt auf Sparlampen.
    Ich erinnere mich aber noch gut an den Besuch eines Vertriebsmanagers aus Deutschland in Shanghai vor 20 Jahren. Selbst in der Innenstadt war die Straßenbeleuchtung dürftig. Und in den Wohnungen, die damals noch kaum Gardinen hatten, konnte man die funzlige Innenraumbeleuchtung sehen. Der Manager bemerkte damals, jetzt weiß ich, wo die Weltproduktion von 25 Watt Glühbirnen hingeht.
    … 20 Jahre …

Kommentar verfassen