22. September 2017

Nun habe ich sie fast alle gehabt: Die Armen, die Reichen. Die Bauern, die Geschäftsleute. Stadt. Land. Auf dieser weiteren Interviewreise ging es darum, die Kontakte und die Themen der letzten Reisen zu vertiefen. Auch eine neue Serie ins Rollen zu bringen: „Ein Tag mit…“ Wir erlebten dabei, und auch für Shasha zu täglichem Erstaunen, was für mich vom ersten Kontakt an mit China gilt: „Es ist immer alles anders.“ Anders als man denkt. Besonders in Beijing, dieser ungeheuren Wundertüte, die mir immer neu entgegentritt. Beim ersten Anblick bannte mich das Entsetzen. Die vielen grauen Hochhäuser. Ein anderes Mal erschien mir Chinas Metropole richtig gemütlich und ich empfand nichts als ein Wohlwollen für die dampfende Vitalität und Innovation an allen Ecken und Enden, die ich mittels meiner Termine erreichte. Doch jede Reise ist anders. Das mag an mir selbst liegen, an der Auswahl der Gesprächspartner oder an den damit verbundenen Erlebnissen. Dieses Mal spürte ich weniger die tastende Frische als vielmehr das umfängliche Verharren. Teils von innen heraus, teils aus dem System heraus. Und immer auch ein China, das sich selbst genügt. Ein eigener gedanklicher Kosmos. Eine Festung. Ein uns fremder Geist, der trotz aller Annäherungen letztlich so uneinnehmbar scheint wie die uns völlig fremde Struktur der Sprache.  Es gibt freilich sehr unterschiedliche Weisen, wie die Menschen in China mit den globalen und privaten Bewegungen umgehen, -ich möchte auch nichts verallgemeinern-, und vieles scheint sich im Auge des Westens hoffnungsvoll doch bestimmt irgendwie irgendwann in eine notwendigerweise… ja was?… Demokratie?… zu bewegen! Aber warum? Ist der rasante Marsch in die Moderne tatsächlich ein Marsch in eine neue Gesellschaftsordnung, die wir als die einzig richtige erachten? Eine chinesische Chemielehrerin kommentierte diese Frage während eines opulenten Mahles mit aufrichtigem Erstaunen: „Natürlich ist das Endziel der jetzigen Entwicklung der totale Sozialismus! Oder etwa nicht?“ Die Dame lächelte bei diesen Worten froh und griff beherzt mit ihren Stäbchen in die hiesige Spezialität: Fischkopf.  „Das weiß doch jeder.“ Es folgte am Tisch eine lebhafte Diskussion über allgemeinen Lebenssinn und Glück am Feierabend, der lächelnd in Konsens überging und klar stellte, dass die Gegenwart, zumindest heute Abend an diesem Tisch, so gesehen, nichts als ein notwendiges Mittel zum Zweck, ein seifiger Katapult in die dann gar nicht kapitalistische Zukunft ist. Vielleicht ist es so. Vielleicht nicht. China hat mich gelernt, gelassen zu sein. Ich bin ein Schwamm. Solange ich dort bin. Nehme auf, was kommt und mache es wie die Chinesen: Alles ist gut, wenn nur immer genug Schüsseln mit Essen auf dem Tisch stehen, der Ort, an dem jedes wichtige Thema verbal gerührt und zugleich kompensiert wird.

Und so verließ ich, zwar dankbar um viele spannende Geschichten, die ich erfahren durfte, doch auch etwas düster, Peking, eine Stadt die gemessen an ihrer inoffiziellen Einwohnerzahl, halb Deutschland schluckt und atmete in Qingdao auf… Subjektiv. Das Meer. Die Freunde. Und auch die Freiheit. China, du Land der tausend Gesichter.

Nun ist es an mir, endlich einen gedanklichen Nachtisch zu formulieren. Und all meine Erlebnisse in China zu Papier, aber vor allem in Zusammenhänge zu bringen. Los geht´s.

©️ http://china-blog.simone-harre.de

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