Das Leben in China ist kein Zuckerschlecken. Als Chinese weiß man das und arbeitet darum hart. Man ahnt es auch im Außen, hat dabei aber unterschiedliche Blickrichtungen. Die einen denken ganz allgemein an die Macht des Präsidenten Xi Jinping, die anderen an die Pressefreiheit oder die verspeisten Hunde und wieder andere haben besonders die Menschenrechte im Blick. Die Verhaftungen, die Hinrichtungen. Das sind Themen, die im Westen mächtig kochen, hochgespielt werden und damit leicht andere oder untergeordnete Inhalte überdecken und auch nicht deckungsgleich mit den Themen sind, welche die Menschen in China beschäftigen. So liest man in unseren Medien etwa viel von verfolgten Intellektuellen unerwünschter Gesinnung, aber selten von unerwünschten oder illegalen Kindern, die noch nicht einmal eine Meinung hatten entwickeln können. Solche der Regierung lästigen Kinder sind zum Beispiel die von Wanderarbeitern, Kinder ohne Geburtspapiere oder ganz besonders unbeliebt: Kinder von Straftätern und Todeskanditaten. Letztere verwirken quasi bei der Verhaftung der Eltern direkt in Erbschuld und noch vor Ort die Staatsfürsorge. Einer beherzten Chinesin, Zhang Shuquin, die sich dieses Elend nicht mehr mit ansehen wollte, ist es in ihrem zwei Jahrzehnte andauernden Engagement gelungen, wenigstens diese Kinder halbwegs aus ihrem Stigma zu befreien, sie pressewirksam bekannt zu machen, auf diese Weise an das Mitgefühl im eigenen Land und sogar an das im Westen zu rühren und schließlich sieben Kinderheime, die sogenannten Sonnendörfer, zu bauen. Das ist eine Leistung. Doch man kann es auch anders sehen.

Herr Tang ist so einer, der das anders sieht. Er ist Professor der Theologie, engagiert sich aktiv, aber bewusst jenseits medialer Aufmerksamkeit, für  verwahrloste und vergessene Kinder in Peking und tastet sich so an ausgegrenzte Randgruppen von Heranwachsenden heran, die unter der großen Pressetrommel Zhang Shuqins, wie Herr Tang findet, nahezu begraben werden und die doch und gerade in dem Moloch Peking ebenso dringend Hilfe brauchen. Sein Focus richtet sich unter den bedürftigen Kindern hauptsächlich auf diejenigen, die zwar aus unterschiedlichen Gründen in Peking gestrandet sind, aber nicht dort geboren wurden. Genau das ist das Problem. In der verheißungsvollen Metropole wohnen inzwischen so viele Menschen ohne registriert zu sein, also unerlaubt, dass sie, wenn auch von Peking gebraucht für unliebsame Jobs, den kapitalen Glanz der wachsenden Megacity stören. Wer also nicht hier geboren ist und auch kein Geld mitbringt, hat seit einigen Jahren kein Anrecht mehr auf staatliche Versorgung in Bildung und Krankenwesen. Er hat eigentlich überhaupt keine Rechte, wie die große Zahl der aus dem Stadtbild vertriebener Wanderarbeiter unlängst zeigte. Dies ist Pekings Art, die Zuwanderung in den Griff zu bekommen und so kann sogar Mildtätigkeit an den Unerwünschten zu einem Strafbestand führen. Es ist daher ein Wunder und sicher nur ihrer medialen und geschickten Hartnäckigkeit zu verdanken, dass Zhang Shuqin dennoch zu einer Heldin des Landes werden konnte, die heute ihre Sonnendörfer wie eine strenge Großunternehmerin führt und darum vielfach Leben rettet.

Trotzdem zieht Herr Tang verächtlich die Stirn in Falten. Er mag die mediale Instrumentalisierung notdürftiger Kinder einfach nicht. Er weiß: Jeden Sonntag fließen inzwischen Besucherströme durch das Pekinger Sonnendorf.

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Sonnendorf-Kinder2

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Sonnendorf-idylle1

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Ein kleiner Spaziergang vorbei an einem riesigen Sportplatz, einer Bücherei, an Plantagen, Treibhäusern und Bioäckern, einer großen Mensa, bunten Schaukeln und ordentlich gereihten Schuhparaden vor bunten Behausungen, die mit liebevollen Zeichnungen an den Wänden versehen sind. Eine wirklich beeindruckende Welt, die Frau Zhang da geschaffen hat. Eine Idylle geradezu. Und doch kann dieser paradiesisch anmutende Lebensraum nicht verbergen, dass auch hier nur marginal geholfen werden kann. Das Geld fließt nicht in Strömen, die Spenden kommen stockend, die Initiative ist weiterhin hauptsächlich privat und satt werden auch die Sonnenkinder noch lange nicht immer. Es ist vor allem die seelische Not, die nur schwer aufgefangen werden kann. „Dreißig Prozent der Kinder sind stabil“, sagt Zhang Shuqin, „vierzig haben Wutausbrüche, der Rest ist schwierig, introvertiert.“ Psychologische Betreuung aber ist teuer. Es gibt sie nur fein dosiert zwei Mal im Jahr. Für ein Kind, dessen Mutter oder Vater nach der Erschießung die Organe dem Volk schenkt, ist das nicht üppig.  Aber es ist spektakulär und darum neuerdings auch besonders schick, sich hier als Bürger der chinesischen Middle- oder Upperclass ab und zu blicken zu lassen, ausgetragene Kleider der eigenen lieben Kleinen zu spenden und einen mitfühlenden Blick auf die Bastelarbeiten der hiesigen Heimkinder zu werfen, welche an diesem freien Tag aktiv die Kasse des Heimes aufbessern und sich selbst präsentieren sollen. Die Tabuzone face to face aufbrechen. Das ist wichtig, sagt Frau Zhang. Eine Übung für später. Wie Zootiere, findet Herr Tang. Das Problem liegt jedoch weniger in der unterschiedlichen Auffassung, wie man der Not der Kinder sinnvoll habhaft wird, als vielmehr darin, dass beide in einer halb legalen Zone wirtschaften und darum mehr als andere Institutionen Hürden überwinden müssen. Die eine entscheidet sich daher für die Konfrontation, der andere für verdecktes Engagement. Nicht zuletzt aus eigener Sicherheit. Frau Zhang, ehemals medizinische Fachkraft und später Redakteurin in einem Gefängnis, hübscht sich medienwirksam in ihrer Biografie als geläuterte Polizistin auf. Und Herr Tang will einfach nur anonym bleiben, natürlich. Dennoch gewährt er uns ausnahmsweise eines der von ihm unterstützten Heime zu besuchen und so mache ich mich eines Tages mit meiner Dolmetscherin neugierig auf den Weg.

Im nordöstlichen Teil Pekings, etwas außerhalb, in einem tristen Hochhausblock, werden wir fündig. IRGENDWANN. Wir irren lange durch die Flure eines sehr schäbigen Wohnmonsters und suchen den Eingang mit der Nummer 301. Wir sind angemeldet. Mit Herr Tang vor Ort verabredet. Aber als wir die Türe endlich finden, macht uns niemand auf. Wir warten lange. Rufen noch einmal an…. Und endlich. Es öffnet sich das Reich zu… nein, nicht quirligen Kindern von Wanderarbeitern, wie wir annahmen… vor uns steht ein bedröppeltes Grüppchen von hauptsächlich geistig behinderten Kindern und wackeln auf ihren kleinen Füßchen hin und her. Wir schauen uns gegenseitig etwas ratlos an. Wer ist wer, das müssen wir erst klären. Denn Herr Tang ist noch nicht da. Er steckt im Verkehr fest. Die Unterkunft ist eine kleine, karge Wohnung, schmuddlig, die sanitären Anlagen verdreckt. Zum Spielen gibt es kaum etwas. Ein Betreuer steht wortlos inmitten der Kinder und ist von unserem Besuch überfordert.

Verantwortlich für diese Wohngruppe ist eine koreanische Dame, wie wir später erfahren, eine Christin, die beherzt wie Zhang Shuqin und schon ebensolang, nämlich seit zwanzig Jahren, besonders unbeachtete, stark entwicklungsbedürftige, oftmals von ihren Eltern ausgesetzte Kinder im ganzen Land zusammensammelt. Dafür durchstreift sie diverse Heime in China und kennt Orte, an denen die Unterbringung und Zuwendung noch dürftiger ist als hier. Das will was heißen.

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Wohnblock-Heim

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Tür-301

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Die Kinder können also sagen, sie haben Glück gehabt. Schließlich, keiner will sie mehr. Nicht die Eltern, nicht der Staat, niemand. Sie sind zu nichts nütze.  Ausschussware. Die Formel: Hart arbeiten für das Wohl des kapitalen Wachstums wird niemals auf sie zutreffen. Doch Glück? Wir fühlen uns sehr beklemmt. Es ist eine wirklich erbärmliche Unterkunft, grau und diesig, Platz für Kinder von zwei bis neunzehn Jahren, und gar nicht so weit vom lichten, grünen, groß angelegten Sonnendorf entfernt, wo das Konzept der Verantwortung und Selbständigkeit groß geschrieben wird. Fast alle Kinder in dieser Einrichtung sind behindert, bis auf vier. Insgesamt sind es neunzehn. Sie werden von fünf Erwachsenen betreut. Das Traurigste aber: Die meisten Kinder, die hier beherbergt sind, können keine Schule oder vergleichbare Lehreinrichtung besuchen. Wer nicht in Peking geboren ist, hat, wie gesagt, seit 2013 sein Schulrecht verwirkt. Außer er hat Geld und kann das Defizit privat auffangen. Für die Kinder im Sonnendorf scheint dies noch möglich zu sein. Für die Kinder in diesem Raum nicht. Sie bleiben einer halblegalen Grauzone verhaftet, erfahren nicht die Förderung, die sie bräuchten und verlassen nur selten das Haus. Wohin sollten sie auch gehen? Manchmal lernen sie mit den Köchen, manchmal kommen Helfer und malen und tanzen mit ihnen. Manchmal geht man mit ihnen schwimmen. Aber sonst?

Unschlüssig stehen wir inmitten dem Grüppchen. Schließlich begeben wir uns mit den beiden großen Mädchen, die uns die Türe öffneten, Any und Yifan Li, in eines der Schlafräume der Jungs und setzen uns abseits der Kinder auf die unteren Etagen der Stockbetten. Any, wir kennen sie schon, ist ein besonderer Schützling von Herrn Tang. Artig sitzt sie da, den Kopf meist gesenkt, die Hände gefaltet. Ganz ruhig, aber auch unsicher, ein Mädchen, das niemals das Privileg erfahren durfte, für jemanden etwas Besonderes zu sein. Von Herrn Tang wissen wir aber, sie ist sehr fleißig. Und deswegen gehört sie schon jetzt zu seinem privaten Team der  Hilfslehrer. Es mag sie innerlich aufrichten. Dem Bildungsmangel in diesen kleinen, der Außenwelt völlig unbekannten, Einrichtungen entgegenzuwirken ist jedoch nicht leicht. Keiner ist Profi, die Bezahlung ist schlecht und so wechseln die Lehrer oft.  Nur Any geht nicht. Sie ist schon 23 Jahre alt, und hatte immerhin das Glück, anfangs in Peking noch zur Schule gehen zu dürfen. Das Heim ist ihr Zuhause geblieben. Es ist schön hier. Und mit Herrn Tangs Zutrauen unterrichtet sie nun die anderen Kinder in Mathematik, Chinesisch und sogar in Englisch. Das hat sie sich selbst beigebracht. Ein kleines Stück Zukunft bewegt sich. Und doch, ich schaudere. Es ist so dunkel hier, dass es mir ist, als müsste selbst ein Traum in diesen spartanischen Ritzen versickern.

Die Koreanerin fand Any einst in einem Heim in Shanxi. Da war sie neun, erzählt sie. Ihre Eltern waren, wie alle Eltern der Kinder hier, sehr arm und gaben sie daher einfach weg. Warum gerade sie von der Koreanerin ausgewählt wurde, das weiß sie nicht. Kontakt zu ihren Eltern gab es nie. Die Kinder nennen die Koreanerin Mama oder Tante. Aber sie sehen sie nur selten. In Anys Erinnerung trägt die Dame ihrer Rettung immer ein weißes Kleid. „Ein Engel“, hatte Any früher gedacht. Und sicher hat sie ihr ein neues Leben geschenkt. Bis hierhin. Doch was kommt nun? „Ich wünsche mir einen anderen Job“, sagt Any, „eine Wohnung, Familie, ich möchte auf Reisen gehen.“ Eine vage Vorstellung leitet sie. Sie sagt all dies in einem gleichbleibenden, folgsam freundlichen Ton und sie lächelt niemals. Nur selten blickt sie auf.

Neben ihr sitzt Yifan Li aus der Hunan Provinz. Sie ist fünfundzwanzig Jahre alt, hat Industriedesign studiert, wusste nach der Ausbildung nicht so recht wohin mit sich, unterrichtete an verschiedenen kleinen Schulen, lernte zufällig Herrn Tang kennen, der Hilfslehrer suchte, und wurde von ihm hier hin vermittelt. Erst wollte sie nur kurz bleiben. Inzwischen ist ihr der Ort ans Herz gewachsen. Sie fühlt sich verantwortlich. Das Heim hat die Lager schon oft gewechselt, erzählt man uns. Immer wieder entging es dem Abriss und kam woanders unter. Auch dieser Ort soll wieder nur eine Zwischenstation sein. Eine größere Unterbringung steht in Aussicht. Das Heim lebt ausschließlich von privaten Spenden und wird außerdem von der katholischen Kirche unterstützt, was die Sache erfolgversprechender, aber nicht legaler macht. Doch, und das ist eine besondere Nachricht, es ist der engagierten koreanischen Dame in den vergangenen Jahren gelungen, insgesamt achtzig Kinder in die USA zu vermitteln. Wow! Anfangs sollen dies vor allem Kinder von Uiguren gewesen sein. Noch so ein Kapitel an Unerwünschten.

Herr Tang hat die Dame 2013 auf einer Konferenz in Südkorea kennengelernt, zu der Zeit, da sich die Schulen vor den Kindern verschlossen und er darum begann, ein Team von Hilfslehrern zusammenzustellen. Einer von diesen Hilfslehrern kommt nun plötzlich zur Türe herein. Er setzt sich wortlos und ohne Begrüßung zu uns auf das Stockbett, doch irgendwann beginnt er zu erzählen. Er ist Lehrer für Mathematik und arbeitet seit einem halben Jahr im Heim der Wanderarbeiterkinder. Dieses Heim, erzählt uns der Lehrer, ist von einem Mann aus der Anhui-Provinz gegründet worden. Von einem Herrn Yang. Herr Yangs Sohn und seine Frau sind vor Jahren durch Feuerwerkskörper sehr schwer verletzt worden. Um sie im Krankenhaus behandeln lassen zu können, gab Herr Yang all sein Geld her. Das machte Frau und Sohn gesund, aber Herrn Yang obdachlos. Dass er diese schwere Zeit überlebte, hat er Straßenkindern zu verdanken, die besser als er wussten, wie man draußen zurechtkommt. Seine Geschichte ist wie ein Märchen. Das fand auch die Presse, die von dem bedauerlichen Schicksal des rührigen Mannes Wind bekam, ihn kurzerhand wieder von der Straße holte und in die mediale Aufmerksamkeit zog. Von der Presse zerkaut, doch auf diese Weise bereichert um eine neue Lebensgrundlage gründete Herr Yang aus Dankbarkeit in seiner Heimat sodann eine Schule und ein Heim für Waise und Obdachlose. Einen Ableger hiervon gibt es auch in Peking. Auf 80 Kinder kommen hier vier Lehrer. Die Einrichtung, eher eine Herberge in Selbstverpflegung von Straßenkindern, die schon lange keine Struktur mehr kennen, ist ebenfalls in der Nähe des Sonnendorfes. Sie ist nicht so erfolgreich, denn die Kinder sind sehr verwildert und laufen immer wieder weg. Bislang reicht es auch nur für eine Grundschule. Aber im Hauptsitz der Organisation, in der Anhui-Provinz, läuft es besser und die Kinder können sogar das Abitur machen. Es entwickelt sich etwas. Doch puh… Kinder von Uiguren, von Wanderarbeitern, Straftätern, armen Eltern, behinderte Kinder, obdachlose Kinder … uns schwirrt bald der Kopf.

Was also an diesem Nachmittag in diesem diesigen Zimmer vor allem deutlich wird: Ein Sonnendorfkind, groß gemacht durch Medienrelevanz, ist im Spiegel all der anderen Kinderschicksale am Ende schnell nicht mehr spektakulärer oder einer größeren Spende wert. Und keine Randgruppe kann jemals gegen eine andere aufgewogen werden. So viele Kinder gibt es, die wie herabgefallenes, faules Obst durch Chinas Raster von Mitgefühl und Verantwortung fallen. Sie alle haben ein Recht auf Würde und Hilfe. Nur spricht keiner von ihnen. Ich beginne Herrn Tang zu verstehen.

Ein weiteres Mal geht die Türe auf. Nun ist es endlich Herr Tang selbst. Er hat jemanden mitgebracht. Eine Chinesin mit langem, wallend schwarzen Haar. Sie heißt Leo und ist Designerin. Wir begrüßen uns. Auch Herr Tang, den wir zuletzt mit kurzen Haaren sahen, trägt nun einen prächtig gewachsenen schwarzen Schwung auf seinem Schädel. Das gibt ihm etwas Sanftes und Intellektuelles. „Ich gehe nur einmal im Jahr zum Frisör!“, sagt er lachend und es sieht aus als trage er so an sich selbst eine ständige Wandlung von Form und Wirkung mit sich herum. Fast wie eine Mahnung. Eine Lebensphilosophie. Herr Tang kommt gerade aus Tibet. Er wollte selbst sehen, wie die Chinesen vor Ort mit den Tibetern umgehen. „Und ich war positiv überrascht“, sagt er. Die Beamten, die er erlebt habe, hätten Verantwortungs- und Fingerspitzengefühl bewiesen. Respekt vor den Menschen. Das hat ihn erleichtert. Warum er das erzählt? Vielleicht schwingt darin die Hoffnung, dass auch für die Kinder, um die er sich in Peking müht, ein solches Bewusstsein in der Gesellschaft allmählich erwachsen wird. Und zwar auf eine Weise, dass eine Medienpräsenz ganz einfach obsolet wird, weil Hilfe normal, natürlich ist. Bislang brachten sich Herr Tang und Leo getrennt in die Heimarbeit ein, nun haben sie sich als Team zusammen geschlossen. Sie wollen sich auch registrieren lassen, sagen sie, gerne die gesetzliche Grauzone überwinden. Ob das klappt? Sie wollen es zumindest versuchen und haben schon mal zur Firmengründung ihre beiden Namen zu einem gemeinsamen Logo zusammengesetzt. Leo stellt das medizinische Team, Herr Tang das Lehrpersonal. Beide sind ausgesprochen einnehmend mit liebenswürdiger, ernster Ausstrahlung und ausgeprägtem sozialen Bewusstsein. Noch feilen sie an ihrem Konzept, noch sind sie unsicher, aber völlig darin einig: Keine Presse. Keiner soll kommen und die Kinder fotografieren und filmen. „Ich habe ausreichend reiche Freunde, die viel Geld spenden“, bekräftigt Leo ihre Überzeugung. „Noch reicht das aus.“ Sie nimmt eines der mongoloiden kleinen Mädchen in den Arm, das die Arme nach ihr reckt. Bei mir will es nicht sein, aber Leo ist den Kindern vertraut. Sie und Herr Tang sind für die Kinder zum Anfassen.

Wenn Herr Tang bei der Erwähnung des Sonnendorfes also die Stirn in Falten legt, so geht es ihm nicht um das Engagement von Zhang Shuqin an sich, die wie er und Leo an der Masse der zu rettenden Kinder verzweifelt. Es ist eher der Blick auf das Bewusstsein einer Gesellschaft, deren Geist so leicht und unbedacht durch die Medien gelenkt werden kann, statt auf das Herz zu hören und Nächstenliebe aus Selbstverständlichkeit zu praktizieren. Frau Zhang bedient sich dieser Schwäche, Herr Tang möchte mit seiner Weigerung an die eigentlichen Werte in uns erinnern. In Peking, in China, auf der ganzen Welt. Das mag man für idealistisch oder wenig effektiv halten, und vielleicht wird Herr Tang damit an seine Grenzen kommen und sich wünschen, er wisse um die Tricks von Zhang Shuqin, doch es ist immerhin in einer Gesellschaft stets das einzige, das man niemals verliert, auch wenn man alles verliert: Die innere Würde.

Dieser Gedanke nimmt uns ein wenig das beklemmende Gefühl, wenn wir uns an diesem Nachmittag von dem kleinen Heim verabschieden. Er tröstet uns. Die Tatsache, dass überhaupt jemand da ist, der sich den Kindern zuwendet und sie achtet, ist schon etwas Kostbares für sich. Und das ist ein Glück.

©️ http://china-blog.simone-harre.de

PS: Es sind dürftige Aufnahmen, welche ich nebenbei und auf die Schnelle im diesigen Licht machte… doch ein wenig wollte ich doch den Eindruck wiedergeben!

Weiterführend:

Ein Portrait von mir über Zhang Shuqin, die Gründerin der Sonnendörfer:

Portrait: Zhang Shuqin, Gründerin der Sonnendörfer, Ort für Kinder von Straftätern und Hingerichteten

Außerdem: Mein erster Besuch im Pekinger Sonnendorf:

Das Sonnendorf in Peking: Ein Ort der Niemandskinder.

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