Portait: Yao Yan träumt wild!

Yao Yan, 45 Jahre, Designerin, Millionärin und eine Bai

In China und rund um Dali, eine Stadt, die einmal ein Königreich war, gibt es fast zwei Millionen Bais. Eine chinesische Minderheit. Die meisten sind dem Buddhismus zugewandt. Yao Yan sagt: „Die Bais sind stark und zügellos. Sie lieben die Freiheit. Und sie sind ein Volk der Träumer.“ Auch Yao Yan ist eine Bai, ehrgeizig, wild und ebenfalls voller Träume. „Träume sind wichtig“, sagt sie. Denn:

„Träume sind der Motor für unsere Zukunft.“

Yao Yan ist stolz darauf, eine Bai zu sein, stolz auf jenes Ungestüme in ihrem Blut und stolz auf den Landstrich, in dem sie lebt. Kein Wunder. Dali ist eine Stadt in Südwestchina, in der man wie nirgendwo sonst Aussteiger aus aller Welt trifft, wo das Handwerkswesen blüht, wo man zur Ruhe kommen kann und wo viele Künstler eine neue Heimat finden. Dali, gelehnt an nahe Berge und angeschmiegt am großen Erhai-See, ist so etwas wie das Eldorado Chinas. Wer genug von der Jagd nach Geld in den Großstädten hat, kommt hier her. Zum leben oder einfach nur für ein Wochenende, um das Geld der Großstadt in Dalis lebendiger Altstadt auszugeben.

Yao Yan lebt schon immer hier. Sie hat Kunstdesign studiert, zehn Jahre lang eine Werbedesignfirma geführt, eine Kunstgalerie für regionale Kunst geleitet und den Plan gehabt, ein Büchercafe zu gründen. Dazu kam es nicht. Stattdessen besann sie sich 2010 auf ihre Wurzeln. Das Land. Die Berge, in denen sie aufwuchs. Und pachtete eine Pfirsichplantage auf 2200 Meter Höhe. Ein 4 Hektar großer Traum, wo sie seither zusammen mit ihrem Schulfreund und Verwalter der Plantage, einen Bioanbau für den Export pflegt und daraus eine Kette machen will.

Das Außergewöhnliche an Yao Yan ist, dass sie zweierlei in sich vereint. Ihre Eltern waren wie die meisten ihrer Generation arm und hatten ein hartes Leben, doch ihr Vater war gleichzeitig Armeeoffizier. Das hatte zur Folge, dass sie das Licht der Welt nicht nur in einer Kaserne erblickte, sondern dass sie auch in einer solchen aufwuchs, spielend zwischen harten Männern und umgeben von strenger Disziplin. Eine Welt, die ihr früh lehrte, dass man sich beweisen muss. Ihre Ferien jedoch verbrachte sie stets auf dem Land bei der Großmutter und in grenzenloser Freiheit. Yao Yan sagt:

„Die Leute, die in der Stadt wohnen, glauben die Leute auf dem Land sind arm. Aber die Leute auf dem Land sind frei, kreativ und sie haben einen farbenfrohen Geist.“

Sie hat also früh verstanden, dass das Leben auf dem Land nicht automatisch Armut bedeutet, sondern auch eine Zelle für Kreativität sein kann. „Selbst auf dem Land hat man einen Sinn für Ästhetik und kalligraphiert“, sagt sie. Und vor allem: „Man ist hier tolerant.“ Yao Yan ist glücklich all dies mit auf den Weg bekommen zu haben. Aber vor allem ist sie rastlos. Sie muss an sich halten, nicht alle Ziele, die sie sich setzt, und alle Träume, die sie träumt, gleichzeitig zu entwickeln und voranzutreiben. „Besser natürlich“, sagt sie, „es geht Schritt für Schritt“, und baut  derzeit an einem kleinen Hotel für die gehobene Schicht. Das Design hierfür hat sie selbst entworfen. Das Haus in der Stadt ist fast fertig. Schöne geräumige Zimmer, Ausstattung mit Gegenständen aus der Baikultur und Ort, an dem wir uns erstmals treffen. Ursprünglich sollte dieses Gebäude ein Rückzugsort für die Eltern werden. Doch der Vater starb und die Mutter wird nun woanders versorgt.

„Meinen Reichtum“, sagt Yao Yan, „habe ich mir ganz alleine aufgebaut.“ Das zu betonen ist ihr wichtig. Es hätte nämlich alles auch ganz anders kommen können: „Auch ich hatte einen Mann und auch ich habe gedacht, der würde für mich sorgen.“ Doch der Mann, den sie hatte, verließ sie alsbald wieder, weil sie keine Kinder bekam. Das stürzte Yao Yan zunächst in große Traurigkeit. Stellte zudem den eigenen Wert als Frau in Frage. Bis sich herausstellte: „Die Unfruchtbarkeit lag gar nicht an mir, sondern an ihm.“ Und was sich zunächst als Unglück und Zerbrechen heiler Welt anfühlte, entpuppte sich schnell als großer Segen. Wie wäre ihr Leben mit diesem Mann wohl sonst verlaufen? Yao Yan mutmaßt: „Wahrscheinlich wäre ich wie die anderen Baifrauen Hausfrau geworden“, verzweifelt Tee trinkend und die wilde Herkunft allmählich vergessend. „Das ist eher üblich“, sagt sie. „Männer, die Majong spielen, Männer, die ihre Ehefrauen unterdrücken.“ Doch Männer, wer braucht die eigentlich? Dass es auch ohne geht, daran musste sie sich zwar erst gewöhnen, aber im Grunde war genau das ihr Ansporn ihre Kreativität weiter zu entfalten. Dennoch: „Meine Selbständigkeit ist wirklich eine Ausnahme“, sagt Yao Yan noch einmal, schnappt sich eine ihrer vielen rotweißen Katzen, die im Hotelhof herumspringen und setzt sich mit ihr auf eine Hollywoodschaukel.

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YaoYan-Landschaft

©️SimoneHarre

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YaoYan-Terasse

©️SimoneHarre

Vorbei an hoch gelegenen Kräuterwiesen, an denen die Pharmaindustrie verdient, über eine sich ewig windende und selbst angelegte Schotterpiste besuchen wir Yao Yan anderentags auf ihrer Pfirsichfarm. Ihr Kollege wohnt hier dauerhaft und kümmert sich um alles. Sie selbst kommt nur zwei, dreimal im Monat vorbei. Doch geschäftstüchtig wie sie ist, baut sie auch hier bereits drei kleine Hotelzimmer mit Blick ins Paradies: Nichts als Natur. Reine Selbstversorgung. Obst und Vieh in einer unglaublich friedlichen Idylle mit sagenhaftem Panorama. Yao Yan geht mit uns in der Plantage spazieren. Die Zweige hängen voll. Im Moment ist jeder einzelne von ihnen am Strauch in Tüten gewickelt. Bald werden sie gepflückt. Wanderarbeiter helfen. Das Wasserkraftwerk wird von Schneeschmelzwasser betrieben. 400 Hühner laufen frei herum. Eines wandert während unseres Besuches zeitgleich und nach südchinesischer Manier hübsch am Stück zerhackt in den Wok, die Wildkräuter auf den Wiesen duften und die Freiheit blüht.

Ein Ort bäuerlicher Armut, nein, das ist es hier nicht. Es ist sicher auch kein typischer Ort auf dem Land, aber ein Ort, der einem zeigt, wie man in einem abgeschiedenen, von den Städtern verachteten Umfeld zu Glück und Reichtum kommen und mit Kreativität aus Nichts Viel machen kann. Es ist ein wahrgewordener Traum. Eine Idylle, die möglich ist. Und ganz aktuell das, wonach sich so viele Chinesen wieder sehnen, denn, wie Yao Yan froh sagt:

„Wir haben hier gute Luft und wir leben gesund.“

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YaoYanvonhinten

©️SimoneHarre

©️ http://china-blog.simone-harre.de

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