Portrait: „Danke, dass Sie mich fragen, was mich glücklich macht.“

Herr Ji Xuanmin & Frau Zhang Yiping in Xi´an

Ji Xuanmin und Zhang Yiping sind seit 28 Jahren ein Paar. Sie kennen sich gut. Sie arbeiten harmonisch zusammen. Auf Augenhöhe. Trotzdem: „Noch nie hat mein Mann mich gefragt, was mich glücklich macht“, sagt Zhang Yiping sofort.

Sie lächelt. Er lächelt.

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©Simone Harre

Und Zhang Yiping erklärt freundlich: „Mein Mann ist ein typischer Chinese. Das Einfühlen fällt ihm schwer.“ Deswegen: „Danke, dass Sie heute danach fragen.“ Im Laufe der nächsten Stunden kommt Zhang Yiping  immer wieder auf diese grundsätzliche Frage nach dem Lebensglück zurück. Kleine eruptive Ausbrüche drängen aus ihr und stehen im Widerspruch zu ihrem unverwandt ernst  blickenden Gesicht. Offenbar ist es eine ungewohnte Frage, eine, die brennt. „Mein Glück in der Kindheit etwa“, fährt sie fort, „war eine Schale Reis von Großmutter.“ Zhang Yiping ist von ihr erzogen worden und zeigt mir später ein Bild von ihr. „Meine Großmutter war Katholikin.“ Sehnsüchtig und ein wenig verlegen betrachtet Zhang Yiping das liebevoll sorgende Gesicht ihrer Vergangenheit. Leise fügt sie hinzu: „Sie hat den Katholizismus heimlich praktiziert. Ich bin auch ein bisschen katholisch.“ Ich spüre, sie möchte gerne  mehr erzählen, aber dann stellt sie das Bild doch wieder in das Regal ihres sehr  kleinen Arbeitszimmers. Wir gehen weiter in das ungleich größere Zimmer ihres Gatten, das gesäumt ist mit einer spektakulären Terasse mit Ausblick in den Smog Xi´ans. Ji Xuanmin zeigt mir kein Bild und flüstert mir auch kein Geheimnis zu, aber neben einem großen Flachbildschirmfernseher steht ein unübersehbar beinah ebenso großes Porträt von Mao.

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©Simone Harre

„Mein Mann ist ein Arbeitswütiger“, sagt Zhang Yiping.  Sie ist die Wortführerin. „Er ist glücklich, wenn er arbeitet.“ Ji Xuanmin lächelt entpsannt zu der Aussage seiner Frau und differenziert sie sogleich: „Ich bin stolz, dass meine Firma immer weiter wächst, doch Glück und Erfolg sind natürlich nicht das Gleiche.“ Was er dagegen wirklich will: „Ich möchte mit achtundfünfzig in Ruhestand gehen und dann reisen und schreiben.“ Auch Zhang Yiping überlegt nun und hat eine französische Antwort parat: „Glück ist nicht das Glück. Es gibt Fortune und Bonheur. Und ich suche beides.“ Aber das Glück hat sich verändert in den letzen Jahrzehnten in China.

„Früher war die Frage nach dem Glück vielleicht der Aufstieg auf einen hohen Berg und in der Ferne eine schöne Blume betrachten.“

Heute frage man genauer nach, sagt sie. „Ich bin wie eine Maschine, stehe um sechs Uhr auf, kleines Frühstück, arbeiten bis acht, dann Yoga.“ Um einen deutschen Standart zu erreichen, also ein gutes Leben zu führen, müsse man unwesentlich härter arbeiten. „China hat sich schnell entwickelt“, fährt sie fort. „Wir hatten keine Zeit. Jetzt sollten wir nachdenken. Besonders über das Glück.“ Beide haben Französisch studiert und eine Tochter groß gezogen. Bevor sie die Bergwerksfirma aufbauten, betrieben sie ein eigenes gut gehendes Reiseunternehmen. Doch dann kam SARS über China und die Tourismusbranche brach ein. Ji Xuanmin war jedoch erfinderisch, nutzte heimatliche Kontakte und widmete sich dem Kohleabbau. Heute nennt sich sein Unternehmen Handelsfirma für Energieversorgung und Kultur. Der Trend zu sauberer Energie ließ zuletzt die meisten Kohlefirmen Pleite gehen. Ihn nicht. Er hat gelernt, sich stets anzupassen, sein Angebot zu variieren und nebenbei allerlei andere luxuriöse Geschäftsmodelle zu bedienen. Momentan zum Beispiel exportiert er außerdem in die USA medizinisches Metall zur Dehnung von Blutadern. 40 Leute arbeiten in Festanstellung bei ihm. Der jährliche Umsatz liegt bei 400 Millionen und die Gewinnspanne bei ca. 19 %. Den kapitalen Überschuss bewirtschaftet die Gattin. Sie kümmert sich um kulturelle Projekte im Ausland, besonders Europa. Das bringt zwar auch Geld ein, dient aber lediglich der Liebhaberei. Zhang Yiping sagt, als Kind habe sie sich gewünscht, später erfolgreich zu sein, um das Leben anderer zu verbessern.

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Ebenso Ji Xuanmin. Seit er Geld verdient, hat er die Menschen in seinem Heimatdorf im Norden von Xi´an immer wieder finanziell unterstützt. Dass er mithelfen konnte, dort die Lebensstrukturen erheblich zu verbessern, befriedigt ihn sehr. Ihn, Ji Xuanmin, den Millionär in einem Hochhausbüro mit Mao auf dem Fernsehtisch und den Träumen von der Ferne im Kopf und seine Gattin, Zhang Yiping, welche mit der Kunst finanziell schon jetzt in die Ferne schweift, leidenschaftlich Blumen fotografiert und das Glück doch noch im Kleinen sucht.

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http://china-blog.simone-harre.de

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