Portrait: Mo Yunbao hat ein eigenes Tuktuk, zarte Hände, ein freundliches Lächeln, nur eines fehlt: das Glück! Warum?

Wir treffen Mo Yunbao mit seinem Tuktuk mitten auf der Straße am Rande eines kleinen, armen Dorfes in Yangshuo, wo wie zumeist fast nur alte Leute wohnen. Eine andere Tuktukfahrerin hatte uns zu ihm geführt. Mo Yunbao ist schmächtig, klein und seine Haltung ist gebückt, der Rücken rund. Glück? Ob er glücklich ist? Mo Yunbao lächelt und hält sich mit seinen schönen, zarten Händen an seinem Tuktuk fest. „Ich war fünfzehn als ich vom Dach fiel,“ sagt er als Antwort. „Seitdem bin ich ein Krüppel.“ Jemand hatte achtlos die Leiter weggenommen und Mo trat beim Hinabsteigen ins Leere . Die Wirbelsäule war schwer verletzt, er hätte dringend operiert werden müssen. Aber dafür gab es kein Geld. Als er mit knapp dreißig endlich einen Professor aufsuchte, war es längst zu spät für eine Behandlung. So ist das halt.

„Von armen Nachbarn kann man sich nichts leihen“, sagt er achselzuckend. „Geld kann man sich nur leihen, wenn man schon Geld hat.“ Und: „Wenn man Geld hat, kann man auch Freunde finden.“ Eine einfache Rechnung. Mo hat kein Geld. Er hat auch keine Freunde. Und schon gar keine Gesundheit mehr. Er ist ganz allein und natürlich hat er auch keine Frau. Nie eine gehabt. Oder wie er sagt: „Nie die Richtige gefunden.“ Nur ein kleines Stück Land ist sein. Da er aber arbeitsunfähig ist, hat er es verpachtet. Von der Pacht lebt er und unterstützt damit gleichzeitig seine Eltern. „Glück also…“ Mo lächelt.

„Ich bin sehr realistisch. Wenn ich meine Eltern ernähren kann, bin ich schon glücklich.“

Sein Bruder ist tot, an Krebs gestorben. Sein Vater kann nicht mehr sehen und seine Mutter nur noch ganz leichte Arbeit machen. Mo muss ganz allein für beide aufkommen. Ein Kunststück für einen, der nur fünf Jahre die Schule besuchen konnte und dann fortan auf die Wasserbüffel aufpassen musste. Sein Leben war immer nur Überleben. Und doch, wenn er Geld hätte, überlegt er, dann wäre es vielleicht nur gefährlich. „Kann man gestohlen bekommen.“ Immerhin aber hat er eine Leidenschaft. Seit zwei Jahren fährt er Tuktuk. Und wenn er Taxi fahren kann, ist er glücklich. Aber das ist nicht so leicht. Tuktuks werden in China zwar hergestellt und verkauft, 7000 Yuan das Stück, erklärt er, offiziell aber seien sie verboten. „Es ist ein Katz-und Mausspiel mit den Behörden. Ich darf mich auf den großen Straßen nicht blicken lassen. Wenn ich erwischt werde, wird mein Tuktuk konfisziert.“ Ist ihm schon mal passiert. Warum? Er hat keine Beziehung zu den Behörden. „Mir hilft niemand“, sagt er und schmiegt sich an sein kleines Stück Freiheit und Reichtum.

Von ihm geht viel Freundliches aus. Seine Worte sind auch nicht die eines Jammernden oder Klagenden. Er spricht zu uns so als erzählte er uns die schönsten Dinge seines Lebens. „Sie strahlen so…“, sage ich daher irritiert von seinem unentwegt lächelnden Antlitz. Und er antwortet: „Wenn ich nicht strahlen würde, würde gar keiner Notiz von mir nehmen. Also schaue ich froh.“
Sehr beschämt trage ich diese Geschichte mit nach Hause. Glück als die letzte Bastion. Ich habe Mo nicht vergessen.

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