Dr. Lichun Su, 52 Jahre & Hongling Li, 53 Jahre

Chengdu, Universität. Die weißen Wände eines grell beleuchteten Universitätsbüros und vereinzelte an ihrem Computer arbeitende Studenten umgeben uns. Dr. Lichuns Studenten. Wir sitzen an einem weißen Tisch. Dr. Lichun hat seine Frau mitgebracht, eine Reiseleiterin für französische Sprache, und freut sich sehr. Er freut sich sogar so sehr, Auserwählter für ein Gespräch zu sein, dass er vor Aufregung erheblich zittert. Seine Hände sind eiskalt und schweißnass. Ich mache mir Sorgen. Er hat mal viele Jahre in Deutschland gelebt und nun sitzt er mit Deutschen zusammen. Eine Sensation. Ein Glück. Und Erinnerungen. Lichun Su ist Doktor des Vermessungswesens, doch von seinem Studienfach erzählt er wenig. Immer wieder kommt er auf sein Leben in Deutschland zu sprechen und wie leicht ihm da alles gefallen sei, wie gut er sich integriert habe, wie gerne er dort geblieben wäre… Deutschland über alles. Er liebt Kant, Hegel, Goehte, die Brüder Humboldt und über Deutschland hinaus natürlich den Glanz der europäischen Städte im Allgemeinen. London ist cool, Paris elegant, Rom zum Träumen, und Venedig sogar so einzigartig, dass da keine Sprache mehr helfe.

Immer wieder sagt er „ganz ehrlich“ und möchte auch ganz ehrlich ganz viel sagen, aber vieles kommt nicht ganz richtig raus. Es versandet gedanklich und verbal, manchmal fast stotternd auf dem Weg nach draußen. Zittrig wie die Hände, die sich nicht beruhigen. „Ich möchte gerne anders leben“, sagt Dr. Lichun Su dann. Wie, das kann er nicht äußern. „Es geht nicht. Es ist nicht Realität.“ Ich ermuntere ihn, einfach nur mit der Phantasie zu spielen. Ganz unverbindlich. Nur so. Er sieht mich hilflos an, fahrig, und wiederholt: „Es ist nicht Realität.“ Für seine Frau ist das einfacher. Sie sitzt bescheiden, still und in sich gekehrt neben ihm. Darüber nachgedacht habe sie zuvor zwar auch nicht. Aber jetzt würde sie sagen: „Ich fühle mich einfach schon glücklich, weil ich auf der Welt bin.“ Auf WeChat würde sie oft von Leuten lesen, die krank sind. Daher: „Einfach gesund sein“, das sei Glück, findet sie. Es hat allerdings einen Grund, dass sie das sagt. 2008 hat ein Arzt ihr Krebs diagnostiziert. Die Familie war empört, hat gesagt: Das kann nicht sein. „Ein Witz“, schnaubt ihr Mann auch jetzt. „Dann habe ich mich nicht mehr untersuchen lassen“, sagt Hongling Li und blickt ein wenig verloren an ihrem immer noch schnaubenden Mann vorbei ins Leere. Ich erfahre nicht den näheren Umstand, doch mir fällt ein, wie Wang Bo, mein Dolmetscher einmal mir erzählte: „Von meinen Eltern gab es keine Zärtlichkeiten. Nur wenn wir krank waren. Wir waren gerne krank.“

Dr. Lichun Su sagt, das Glück sei variabel. „Je nachdem wie man sich vergleicht.“ Für ihn ist es aber doch ganz einfach: „Mein Glück ist, wenn es der Familie gut geht, die Tochter eine Arbeit hat, die eigene Arbeit läuft, das reicht.“ Die Grundbedürfnisse müssten eben erfüllt sein. „Das, was die anderen haben, wollen wir auch haben.“ Das Glücksstufenmodell: „Erstmal Entwicklung, danach Verbesserung.“ China sei nur leider zu schnell gewachsen, sagt er bedauernd. „Ohne Kopf.“ Und auch schwierig: „Die Chinesen sind ein Volk ohne Religion.“ „Das kann gefährlich sein“, findet Dr. Lichun Su und deshalb sei jetzt auch Mao wieder da. „Vorher war er weg.“ Seine Frau nickt. Sie neigt sich seit ein paar Jahren dem Buddhismus zu und ist zur Erkenntnis gekommen „Die Welt ist leer, dann muss ich auch nach nichts streben. Ich habe alles.“ Nur so richtig froh sieht sie dabei nicht aus. Etwas vereinzelt sitzt sie neben ihrem Mann, der noch immer mit der eigenen und Chinas Wahrheit ringt. Das Glück, es ist wie ein Grille, die ihm unaufhörlich aus der Hand hüpft. So schwer in Worte zu fassen. So schwer genauer zu betrachten. Andererseits, fällt ihm ein: „Ein Kind hat gesagt: Glück ist schlafen.“ Er nickt: „Das kann ich gut verstehen.“

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