Portrait: Die Frau vom Mond

Als wir das erste Mal mit unserem Fahrrad an ihr vorbeifahren, übersehen wir sie noch. Da ist sie eine von vielen schwatzenden Frauen am Straßenrand, die vor dem Eingang zum Mondtor auf Touristen warten. Wir fahren weiter, wollen ja keine Führung, wir suchen nichts als besondere Menschen für ein Interview.

Doch anderentags fährt uns ein Tuktuk an die genau gleiche Stelle. Die Fahrerin sagt: „Hier ist ein besonderer Mensch!“ Wir sollen aussteigen. Okay. Tun wir. Klettern gehorsam aus dem kleinen Gefährt und schauen uns um. Ein kurzes Vermittlungsgespräch. Rufe. Nicken. Dann schält sich eine dürre, flinke, alte Dame aus der Frauengruppe und kommt geschäftig auf uns zu. „Hallo, I´m Mama Moon!“ Sie hat sich bereits ein paar Höckerchen unter geklemmt, legt diese nun vor uns ab und bittet uns Platz zu nehmen. Zwischen Motorrädern, Autos und Straße. Und auf die Schnelle. „Alle Leute nennen mich Mama Moon. Ich bin bekannt hier,“ erklärt sie ihren Namen. Wir nicken und Wang Bo erklärt ihr, warum wir mit ihr sprechen wollen.

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©Simone Harre

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©Simone Harre

Ach, das Glück? Ja, also…. „Glück ist Freiheit“, sagt Mama Moon schnell. Sie deutet auf sich. „Ich bin frei, ich kann mich selbst ernähren.“ Sie überlegt. „Und ich bin schon Uroma.“ Uroma? Wir staunen. „Naja, ich bin ja schon siebzig.“ So ungewöhnlich sei das also nicht. Stimmt. Wir rechnen nach. Viel beeindruckter sind wir eh von ihrem drahtigen Esprit und ihrer Geschäftstüchtigkeit. Mama Moon ist nämlich ziemlich vieles. Ganz nach chinesischer Art ist sie so vieles, wie es braucht, bis das Geld in der Tasche stimmt. In ihrem Fall Getränkeverkäuferin, Reiseführerin, Köchin, Bäuerin… Reiseleitung macht sie inzwischen nicht mehr so oft. Die Zeiten, in denen sie täglich die Touristen führt und ihnen auf dem Weg zum Mondberg, ein mondsichelförmig ausgehöhlter Karstberg, voranflitzt, liegen eher hinter ihr.  Heute hat sie hauptsächlich ihr Mineralwasser auf der Straße parat. Das Besondere an ihr ist etwas ganz anders. Das Besondere ist: sie spricht sieben Sprachen. „Und die Sprachen habe ich mir alle selbst beigebracht.“ Diesmal deutet Mamao Moon nicht auf sich, sondern auf den Getränkestand. „Dort“, sagt sie, „habe ich sie gelernt. Einfach durch die Gespräche mit den Ausländern.“ Auch klar: „Das kann sonst keiner hier.“ Und bringt ihr den wirtschaftlichen Vorteil am Straßenrand. Ob das mit den sieben Sprachen auch stimmt, frage ich mich. Mama Moon schränkt es sogleich selbst ein: „Na ja, nicht alle ganz fließend.“ Aber es klingt gut. Sieben Sprachen. Fand auch das Fernsehen. „Mehrfach“, sagt Mama Moon, „mehrfach bin ich schon vom Fernsehen interviewt worden.“ Sogar Hongkong und Peking waren da. Sie zeigt uns Fotos von dem Dreh des Pekinger Zentralfernsehens bei ihr zu Hause. Auf den Bildern ist sie noch wesentlich jünger. „Sieben Mal bin ich in Peking gewesen.“ Zum Nachbereiten der Dokumentation. Das ist schon was. Denn welche Frau in ihrem Alter in Yangshuo hat schon je ihre Heimat verlassen?  Aber: „Gefallen hat es mir nicht.“  Sie schüttelt ernst den Kopf. „Zu viel kalte Vorspeisen.“ Yangshuo ist besser. „Nur die Pekingente war gut.“ Mama Moon legt die Fotos wieder beiseite. Sie überlegt: „Werbung für Gesichtscreme habe ich auch gemacht.“ Doch sonst? Sonst lebt sie nach wie vor von Mineralwasserflaschen und den Erträgen ihres Ackers.

Denn genau genommen ist sie ja Bäuerin. Tochter von Bauern. Als solche konnte sie nur drei Jahre zur Schule gehen. Kein guter Ausgangspunkt für Aufstiegschancen. Darum sagt sie: „Ich habe gelernt, mich selbst zu organisieren und zu versorgen. Ich habe sogar Medizin gelernt.“ Nein, nicht professionell, aber irgendwie schon…  Es ist einfach so: “Wenn es uns irgendwo weh tut, dann kratzen wir“, sagt sie. Mit Kratzen hat sie auch einmal einem Engländer mit Hitzschlag das Leben gerettet. Das war auf einer Führung zum Mondtor. Der Engländer war ohmächtig geworden. „Er wäre gestorben“, sagt Mama Moon. „Ich habe ihn wach gekratzt.“ Der Engländer habe  sich mit Geld erkenntlich zeigen wollen. Aber Mama Moon wollte kein Geld. „Da hat er mir den Namen Mama Moon gegeben.“ Die Frau vom Mondtor. So kam das. „Manchmal nehme ich Touristen auch mit zu mir nach Hause“, fährt sie fort.  „Die Touristen wollen bei mir dann immer was erleben, aber ich sage ihnen: Ihr könnt bei mir essen und nachts den Mond anschauen. Mehr nicht.“

Mama Moon reicht uns ihr Gästebuch, ein Band voller Huldigungen von Touristen aus aller Welt an die Frau vom Mond. Wir blättern, lesen und tragen uns ebenfalls ein. Wir geben Mama Moon auch Geld für das Gespräch. Wir versuchen es. Mama Moon will es nicht. Natürlich. Nur im Tausch mit ihren Mineralwasserflaschen, die nicht mehr in unsere Taschen passen, werden wir uns einig. Wir verabschieden uns. Es tut mir leid, dass ich zuvor achtlos hier vorbei gefahren bin. Ich winke aus dem Tuktuk, das uns weiter fährt. Weiter zur nächsten besonderen Person… welche eine jede sein kann.

Und während ich dahin tukkere, frage ich mich auch, wie die anderen Frauen von Mama Moon wohl denken? Sind sie neidisch oder sind sie stolz? Ich vergaß zu fragen. Ich vergaß auch zu fragen: Was um alles in der Welt ist dieses Kratzen?

© http://china-blog.simone-harre.de

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2 Kommentare

  1. Heißt es „kratzen“ auf deutsch ? Ich glaube was die Mama Moon meinte war „Gua Sha“

    • SimoneH

      Hallo Liwen, ja, ich denke auch, das sie das meint. Ich habe es inzwischen recherchiert. Wird aber offenbar nicht so oft angewendet… Finde ich aber interessant.

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